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Kinder und Wandern: So funktionierts

Der Ehr­geiz, an­zu­kom­men, ist beim Wan­dern mit Kin­dern nicht an­ge­sagt, denn der Weg ist das Ziel. Wie man der Wan­der­pa­ra­noia bei Kin­dern vor­beugt und warum Ziele zweit­ran­gig sind. Ein Ge­spräch mit Profi Chris­ti­an Hlade. Von Bar­ba­ra Jauk, Kleine Zeitung

Die Vor­stel­lung ist ro­man­tisch: Ge­mein­sam mit der Fa­mi­lie einem Ziel ent­ge­gen, rein in die Wan­der­schu­he, und los! Die Rea­li­tät ent­puppt sich manch­mal schon nach einem Ki­lo­me­ter als eine an­de­re. „Wann sind wir end­lich da? Ich bin müde!“ Jeder, der schon ein­mal mit Kin­dern ge­wan­dert ist, kennt diese Frage, die nach oben rol­len­den Augen, wenn die Wan­der­plä­ne aus- und die Jause ein­packt wer­den. „Laaa­ang­wei­lig!“

Spä­tes­tens in die­sem Mo­ment wird jedem El­tern­teil klar, dass die Be­dürf­nis­se des ei­ge­nen Nach­wuch­ses an­de­re sind – auch beim Wan­dern. „Das große Ge­heim­nis sind meist an­de­re Kin­der, mit den El­tern al­lei­ne zu wan­dern, ist fad“, so der ein­fa­che Tipp von Chris­ti­an Hlade von Welt­weit­wan­dern. „Wenn man sich mit einer zwei­ten Fa­mi­lie mit ähn­lich alten Kin­dern zu­sam­men­tut, ist das oft schon 90 Pro­zent des Er­fol­ges.“ Der Wan­der­pro­fi spricht auch aus sei­ner Er­fah­rung als Fa­mi­li­en­va­ter. „Na­tür­lich geht es auch al­lei­ne, dann ist es al­ler­dings wich­tig, eine ab­wechs­lungs­rei­che Stre­cke zu haben.“ Von rei­nen Asphalt­stra­ßen­wan­de­run­gen rät der Ex­per­te ab: „Das ist der Kil­ler.“

So wie Mo­no­to­nie ge­ne­rell. Ab­wechs­lung und Ab­len­kung sind die Zau­ber­for­meln. Ab­ge­se­hen von The­men­wan­der­we­gen bie­tet die ei­ge­ne Fan­ta­sie zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten: Ge­mein­sam mit den Kin­dern eine Ge­schich­te kre­ieren, in die die Um­ge­bung mit­ein­be­zo­gen wird, sin­gen, Be­we­gungs- und Be­ob­ach­tungs­spie­le à la „Ich sehe was, was du nicht siehst“, die Natur mit allen Sin­nen er­le­ben, Tier­lau­te er­ken­nen, Na­del­bäu­me rie­chen, bar­fuß über Moos wan­dern und na­tür­lich Pau­sen.

„Da muss man als Er­wach­se­ner oft viel Ge­duld auf­brin­gen“, weiß Hlade. Denn: Der Weg ist das Ziel und manch­mal eben auch die Pause. Wenn etwa das Stau­damm­pro­jekt am Bach, das Ein­fan­gen der Kaul­quap­pen im See oder das Wind­rad­bas­teln ein­mal län­ger dau­ern. „Immer nur zu pus­hen, ist falsch, da er­zeugt man eine Wan­der­pa­ra­noia“, macht der Ex­per­te mehr Mut zu kurz­fris­ti­gen Plan­än­de­run­gen. Nach­satz: „Die­ser Ehr­geiz, dass man ir­gend­wo hin­kom­men muss, ist kon­tra­pro­duk­tiv.“ Auch das Wort müde gilt es immer wie­der zu hin­ter­fra­gen. Denn: Oft zeigt es nur Lan­ge­wei­le an. Es liegt an den Er­wach­se­nen, die Stre­cke so ab­wechs­lungs­reich wie mög­lich zu ge­stal­ten.

Wel­che Stre­cken kann ich mei­nem Kind zu­mu­ten? „Das kann man nicht ver­all­ge­mei­nern“, so Hlade. Mit Tra­ge­tuch könne man sehr früh Spa­zier­gän­ge ma­chen, mit Rü­cken­tra­ge be­reits ab sechs Mo­na­ten klei­ne Wan­de­run­gen. Kön­nen Kin­der sel­ber gehen, funk­tio­nie­ren Mi­nistre­cken von zwei bis vier Ki­lo­me­tern. Volks­schü­ler haben eine brei­te Pa­let­te: Mo­ti­vier­te und gut trai­nier­te Sechs­jäh­ri­ge kön­nen ei­ni­ge Ki­lo­me­ter schaf­fen. Un­trai­nier­ten Kin­dern sei das aber „nie­mals zu­mut­bar“. Mo­ti­vier­te Zehn­jäh­ri­ge be­wäl­ti­gen sogar „sehr lange Stre­cken“ (bis zu 20 km). „Wenn es lus­tig ist, haben die Kin­der eine hohe Leis­tungs­fä­hig­keit.“

Gut auf­pas­sen müsse man im Hoch­ge­bir­ge. Kin­dern fehlt näm­lich oft das Wär­me­emp­fin­den und sie schwit­zen an­ders. Aus­küh­lung und Aus­trock­nen (immer genug trin­ken!) dro­hen. Ge­sun­der Haus­ver­stand sei die halbe Miete. Das gilt auch für Grenz­gän­ge wie Klet­ter­ein­la­gen auf Fel­sen. Unter Auf­sicht und bis zu drei Meter Höhe seien diese durch­aus ver­tret­bar. „Man muss die Gren­zen und vor allem seine Kin­der ken­nen“, be­tont der Ex­per­te, „dann kann man viel ma­chen.“ Nach­satz: „Nicht gleich eine Hoch­schwa­b­über­que­rung!“ Das Tempo gibt im Üb­ri­gen immer der Jüngs­te vor.

Dass Mo­ti­va­ti­on und gute Pla­nung nicht immer rei­chen, zeigt sich ge­ra­de bei Ju­gend­li­chen, wie der drei­fa­che Vater am ei­ge­nen Leib er­fah­ren muss­te. „Ab einem ge­wis­sen Alter wol­len sie ein­fach nicht mehr“, er­in­nert er sich an eine „ver­hau­te Schott­land­rei­se“, bei der die Kin­der nicht mehr aus dem Auto ge­stie­gen sind. Sein Tipp: Los­las­sen und kein Zwang. „Denn sonst macht man ganz viel ka­putt.“ Ir­gend­wann kämen sie dann von al­lei­ne zu­rück. Ge­lernt hat Hlade beim Wan­dern mit Kin­dern auch viel über sich selbst: „Die Lang­sam­keit hat mich sehr ge­for­dert.“ Und: „Man kann auch auf einer vier Ki­lo­me­ter lan­gen Stre­cke ein gan­zes Uni­ver­sum ent­de­cken“.

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